Beschimpfungen statt Unterstützung: Wie man Kindern kranker Eltern garantiert nicht hilft

Am 23. August 2018 hat die österreichische Zeitung „Der Standard“ ein Interview mit mir zum Thema „Pflegende Kinder“ veröffentlicht. Darin ging es auch um die Situation meiner eigenen Familie. Zum Interview gab es eine große Zahl negativer Kommentare über die Webseite des Standard, aber auch in meinen Autorenblogs. Dazu möchte ich mich hier äußern.

Ich habe dem Standard das Interview im Rahmen meiner Lesereise zu meinem Buch „Kindheit im Schatten“ in die Wiener Hauptbibliothek im April 2018 gegeben. Ich habe der Redakteurin unsere Lebenssituation geschildert, die auch im Buch ausführlich beschrieben ist. Das Interview ist, wie bei Interviews üblich, eine gekürzte Version dieses Gesprächs. Die Hintergrundsituation wurde weggelassen und das Interview auf einige aus dem Zusammenhang gerissen offenbar missverständliche Aussagen beschränkt. Grundsätzlich stimmt es, dass ich diese Dinge so gesagt habe und das Interview auch freigegeben habe. Ich fand es etwas effekthascherisch geschrieben und war auch irritiert, dass meine Antworten wortwörtlich in „Umgangssprache“ aufgeschrieben worden waren – normalerweise glättet man das journalistisch etwas, damit es nicht so plump klingt. Ich wollte aber Aufmerksamkeit für das Thema „Pflegende Kinder“ erreichen und darum das Interview nicht „weichspülen“ und habe es darum so freigegeben. Ich habe aus diesem Fall gelernt und werde nächstes Mal anders vorgehen.

Genau das ist aber das Problem: Wenn Kinder oder Angehörige kranker Eltern nicht offen über ihre Lebenssituation, ihre Überforderung, ihre Hilflosigkeit sprechen dürfen, ohne gleich Drohungen zu erhalten, dass das Jugendamt oder die Polizei gerufen werden müssten, ohne persönlich beschimpft und angegriffen zu werden, dann hat das zur Folge, dass niemand sich mehr traut darüber zu sprechen und es weiterhin keine oder zu wenig Hilfe für die betroffenen Familien gibt. Das ist genau das Gegenteil von dem, was ich mit meinem Buch und dem Interview im Standard erreichen wollte. Aber es zeigt auch, wie wichtig es ist, das Thema öffentlich zu machen, auch wenn meine Familie nun zusätzlich zu der Situation mit einem kranken Elternteil mit den Hasskommentaren umgehen muss. Menschen in Notsituationen machen nicht immer alles richtig, sie brauchen oft eine Weile, um Hilfe anzunehmen. Aber keiner der Betroffenen begibt sich freiwillig in eine solche Situation oder setzt seine Kinder freiwillig mehr Belastung aus als notwendig.

Um es noch einmal klarzustellen: Meine Kinder erleben eine schwerere Kindheit als andere, aber es geht ihnen gut im Vergleich zu vielen anderen Kindern kranker Eltern, die ich in meinem Buch „Kindheit im Schatten“ portraitiert habe. Sie erhalten professionelle und familiäre Hilfe und Unterstützung. Freilich kann ich die Realität nicht von ihnen fernhalten. Für Einzelheiten verweise ich auf mein Buch. Aber selbst Familien, in denen Kinder wirklich keinerlei Unterstützung bekommen und mit dieser großen Belastung alleine sind, haben es nicht verdient, beschimpft und bedroht zu werden. Sie brauchen Hilfe! Und ich bin dankbar, dass es verschiedene Projekte gibt – so wie Superhands und Miteinander leben, die beide auch auf meiner Lesung in der Wiener Hauptbibliothek vorgestellt wurden.

Zu einzelnen, beispielhaften Kommentaren antworte ich hier direkt:

Phryx Sodalis
Vielleicht verstehe ich das ja alles völlig falsch, aber aus den obigen Schilderungen ziehe ich den Schluss, dass die Frau ihren Ex-Mann gar nicht pflegt, sondern die Last auf den Schultern der beiden Kinder liegt und das finde ich furchtbar. Ganz ehrlich, Ex-Partner oder nicht, bevor ich zuschaue, wie meine Kinder daran leiden, würde ich mich in Grund und Boden schämen, wenn ich darüber auch noch schwülstige Bücher schreiben würde, anstatt ihnen zu helfen.

Meine Antwort:
Mein Ex-Mann ist im Moment nicht pflegebedürftig und zu keinem Zeitpunkt haben die Kinder ihn alleine gepflegt. Wo er Hilfe benötigt, helfen vor allem seine Angehörigen und gelegentlich ich. Die Last für die Kinder besteht darin, sich Sorgen zu machen, die Krankheit mit anzusehen, mehr Rücksicht nehmen zu müssen und – in einem zumutbaren Rahmen – öfter mit anpacken zu müssen als andere Kinder. Auch müssen sie mit dem Risiko leben, dass es zu einer Notfallsituation kommen könnte, wenn sie alleine mit ihrem Vater sind. Wir tun alles, um das zu vermeiden, aber das Risiko besteht. Es gibt nun aber auch Kinder, die echte Pflegetätigkeiten übernehmen. Das ist natürlich furchtbar, aber auch kein Grund ausfallend zu werden. Sie brauchen Hilfe. Auf ihre Situation will ich mit meinem Buch und dem Interview im Standard aufmerksam machen. Bei meinem Buch handelt es sich um ein Sachbuch mit Experten-Interviews, Betroffenen-Protokollen, Vorstellungen von Hilfeprojekten und politischen Forderungen.

Doris Neubacher:
Ist ja das allerletzte, den Kindern die Pflege aufzuhalsen. Statt Bücher zu schreiben sollen Sie den Jungs helfen und eine Haushaltshilfe managen!! Schämen Sie sich! Das Jugendamt soll gefälligst hier für Ordnung sorgen!

Meine Antwort:
Meine Söhne bekommen Hilfe und wir hatten während der schlimmsten Phase auch eine Haushaltshilfe. Einzelheiten entnehmen Sie bitte meinem Buch. Aber wenn Sie einmal einer betroffenen Familie begegnen sollten, die keine Hilfe hat: Beschimpfen Sie sie nicht. Es ist nicht so einfach, sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, und diese Hilfe im Chaos der Notsituation zu organisieren. Für die Haushaltshilfe musste ich beispielsweise alle paar Wochen eine Menge Formulare ausfüllen und Nachweise für die Krankenkasse erbringen und es wurde ständig eine andere Dame geschickt, sodass meine Kinder nur verwirrter wurden als dass ihnen dadurch geholfen worden wäre. Eine Drohung mit dem Jugendamt sorgt, wie ich von vielen betroffenen Familien weiß, gerade nicht dafür, dass man sich Hilfe holt, sondern dafür, dass man sich noch mehr einigelt.

Sterndu:
Ich bin ziemlich entsetzt was ich da lese. Ich glaube der guten Frau ist nicht bewusst was da gerade passiert. Auch wenn es sich um ihren Ex-Mann handeln sollte und er eventuell wieder verheiratet ist, würde ich versuchen meine Kinder vor dieser Verantwortung zu schützen. ‚Wenn ich da nicht drauf rumreite, dann finden die das gar nicht so schlimm. Die sind dann eher sauer auf mich, wenn ich über die Situation sprechen möchte. Das ist auch, was mir andere Betroffene für das Buch erzählt haben: Vielen Kindern wird die Belastung erst viel später klar‘. Ja bitte, das sagt doch eh schon alles, auch wenn es den Kindern im Moment augenscheinlich gut geht, ist nicht davon auszugehen, dass sie nicht später damit Probleme haben.

Meine Antwort:
Ich verstehe, dass es sich im Interview etwas krass liest. Aber selbstverständlich versuche ich, meine Kinder zu schützen. Wir nehmen therapeutische Hilfe in Anspruch und wir haben eine große Familie, die hilft und einspringt. Die Kinder haben ihre Freiräume, in denen sie Kind sein können. Ich mache Gesprächsangebote, kann die Kinder aber nicht zwingen, darüber zu sprechen. Diese Erfahrung macht übrigens z.B. auch das Projekt ChinChillaz: In der Gesprächsgruppe für Jugendliche mit kranken Eltern wird meist über ganz normale Teenager-Themen gesprochen, die Situation zu Hause wird ausgeklammert. Darüber zu sprechen sind viele Betroffene erst im Erwachsenenalter bereit.

Blf:
Vielleicht sollte sich Frau Roedenbeck mal überlegen, wie sie ihre Kinder jetzt ganz konkret unterstützen könnte. Und was heißt, sie war während der schlimmen Zeit manchmal auch nicht mehr in der Lage, die Rolle der Unterstützerin zu übernehmen. Waren dann die Kinder ganz auf sich allein gestellt? Das ist auch verantwortungslos.

Meine Antwort:
Das habe ich mir überlegt und überlege es jeden Tag aufs Neue und setze es um. In meinem Buch beschreibe ich, dass ich während des langen Krankenhausaufenthaltes meines damaligen Mannes selber unter psychosomatischen Symptomen litt. Natürlich war ich auch traurig und verzweifelt. In solchen Situationen konnte ich meinen Kindern stundenweise nicht die Aufmerksamkeit schenken, die nötig gewesen wäre. Manchmal war ein Angehöriger da, um uns zu helfen, manchmal waren sie mit mir alleine. Was schlagen Sie vor, wie betroffenen Familien in solchen Momenten geholfen werden kann?

The lady:
Weshalb pflegen die Kinder ihren Vater alleine? (Eltern geschieden/Kinder leben beim Vater? Mutter im Ausland?) Weshalb unternimmt Frau Roedenbeck nichts, um den Umstand zu entschärfen? (Selbst pflegen, Hilfe organisieren, psychologische Hilfe für die Kinder, etc.). Es ergibt nämlich für mich als Leserin keinen Sinn, wenn jemand um das Leid und die Probleme von pflegenden Kindern Bescheid weiß – aber nichts dagegen unternimmt, wenn es die eigenen Kinder betrifft.

Meine Antwort:
Die Kinder pflegen nicht alleine. Dieser Eindruck entstand, weil im Standard die Hintergrundsituation nicht erläutert wurde. Selbstverständlich unternehme ich etwas, um den Umstand zu entschärfen, Details siehe in den vorherigen Antworten und im Buch.

Gurgl1
Hier fehlt ein wesentliches Stück Information: Warum sind die Kinder überhaupt mit dem Vater allein???

Meine Antwort:
Wie bei jedem getrennten Elternpaar leben die Kinder zeitweise bei ihrem Vater und zeitweise bei mir. Da er trotz seiner chronischen, fortschreitenden Erkrankung derzeit in einem stabilen Zustand ist und sogar stundenweise arbeiten gehen kann, kann er sich gut um die Kinder kümmern und die Situation ist für sie zumutbar. Natürlich lässt sich nicht immer vorhersehen, wann sich das ändert.

Sharatar
Ich finde das – mit Klarnamen – irgendwie fies dem Ex-Mann gegenüber.

Meine Antwort:
Es handelt sich nicht um Klarnamen.

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